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Österreich und die USA im Gesundheitsvergleich: Eine HSPA-basierte Analyse; BMG - Gruppe VII/B Gesundheitssystem
Stefan Eichwalder
Direkte Vergleiche zwischen verschiedenen Ländern und ihren Gesundheitssystemen werden im Allgemeinen durch die unterschiedlichen historischen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen, in denen sie sich entwickelt haben, erschwert. Ein systematisches Vorgehen ist daher umso wichtiger1.
Für eine differenzierte Bewertung anhand klar definierter Funktionen und Bewertungskriterien wird das Health System Performance Assessment (HSPA)2 als methodisch fundiertes Rahmenwerk herangezogen. Dieses Konzept verknüpft systemische Funktionen (Governance, Finanzierung, Ressourcen Generierung, Leistungserbringung) mit konkreten Zielgrößen (Gesundheit, Qualität, finanzieller Schutz, Effizienz, Gerechtigkeit) und bietet damit eine geeignete Struktur für Ländervergleiche.
- Finanzierung
Im internationalen Vergleich zählt Österreich zu den Ländern mit hohen Gesundheitsausgaben. Im Jahr 2024 lag der Gesundheitsausgabenanteil am BIP bei rund 11,2 %, die Pro Kopf Ausgaben liegen mit etwa USD 7.275 pro Kopf (davon rd. 75% aus öffentlichen Mitteln) über dem EU- bzw. OECD-Durchschnitt.
Im Vergleich dazu verzeichnen die USA nochmals deutlich höhere Gesundheitsausgaben: so werden 16,6 % des BIP bzw. Pro Kopf Ausgaben von USD 12.555 (davon 56 % aus öffentlichen Mitteln) für Gesundheit aufgewandt.
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Governance/Steuerung und Ressourcengenerierung
Ein zentraler Unterschied zwischen Österreich und den USA liegt in der Steuerung und Ressourcengenerierung ihrer Gesundheitssysteme. Österreich verfolgt in dieser Hinsicht einen kooperativ-koordinierenden Ansatz: Zur Harmonisierung der fragmentierten Zuständigkeiten zwischen Bund, Sozialversicherung und Ländern ist die Governance durch die Zielsteuerung-Gesundheit, die strategische Zielsetzungen und Versorgungsmaßnahmen abstimmt, institutionalisiert. Die Planung erfolgt gesamthaft über den Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) sowie Regionale Strukturpläne (RSG), die auf aktuellen Bedarfsanalysen basieren.Im Gegensatz dazu dominiert in den USA ein fragmentiertes, marktgesteuertes System: Eine zentrale Steuerungsinstanz fehlt, die Kompetenzen sind zwischen Bund, Bundesstaaten und lokalen Akteuren aufgeteilt und im Allgemeinen nicht abgestimmt. Investitionen in Infrastruktur und die Ressourcenverteilung erfolgen Großteils ohne nationale Planung und orientieren sich zumeist an Rentabilität statt am regionalen Versorgungsbedarf. Die OECD hat kürzlich die Aktivitäten von rein renditeorientierten Finanzakteuren – insbesondere Private-Equity-Gesellschaften – in der Gesundheitsversorgung analysiert und ist dabei zu folgender Einschätzung gekommen3: „Existing research points to likely increases in costs for patients and payers following acquisitions by financial investors, while evidence from the long-term care and hospital sectors has raised concerns about the potential impacts on quality of care, access and other patient outcomes.“
- Zugang
In Österreich gewährleistet die Pflichtversicherung mit ergänzenden Regelungen für ausgewählte Gruppen (z. B. Kinder, Pensionist:innen) einen nahezu universellen Zugang zu einer umfassenden Gesundheitsversorgung. Patient:innen haben freien Zugang zu niedergelassenen Ärzt:innen und Spitälern. Eine Herausforderung stellt sich in der Koordination zwischen den Versorgungsstufen und Sektoren. In dieser Hinsicht stellt die Optimierung der Patientenwege eine wesentliche Aufgabe dar.
In den USA ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung stark vom Versicherungsstatus abhängig. Trotz Reformen wie dem „Affordable Care Act“ haben aktuell über 8% der Bevölkerung keine Versicherung, 35% innerhalb der Personengruppe der Versicherten weisen entweder eine Versicherungslücke auf oder sind „unterversichert“. In weiterer Folge begrenzen hohe Selbstbehalte den Zugang zur Versorgung, was speziell einkommensschwache Gruppen von medizinischer Versorgung ausschließt4.
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Leistungserbringung
Obwohl das US-amerikanische Gesundheitssystem in der Leistungserbringung mit hoher Innovationskraft assoziiert wird, wirkt diese Innovationsleistung aufgrund des fehlenden Zugangs nur selektiv.Im Gegensatz dazu ermöglicht das österreichische System nicht nur grundlegenden, sondern auch hochspezialisierten Zugang etwa im Bereich der Onkologie oder zu anderen innovativen Arzneimitteln und Therapien.
- Wesentliche Zielgrößen: Qualität, Effizienz und Outcomes
Vergleicht man die oben dargestellten Unterschiede in den Gesundheitssystemen auf Basis zentraler HSPA-Zielgrößen, zeigen sich ebenfalls deutliche Unterschiede: Österreich erzielt bei Gesundheitsoutcomes wie der Lebenserwartung (82 Jahre vs. 76 Jahre), vermeidbarer Mortalität (175 vs. 312) oder Säuglingssterblichkeit (2,6 vs. 5,5) klar bessere Werte. Das Gesundheitssystem in den USA ist durch fehlende Abstimmung, sehr hohen Preisen und administrative Aufwände zusätzlichen Belastungen ausgesetzt.
Besonders gravierend ist der Unterschied im Hinblick auf einen gerechten Zugang zu medizinischer Versorgung: Das auf solidarischen Grundsätzen basierende Modell in Österreich ermöglicht einen umfassenden Zugang und soziale Absicherung. In den USA bleibt die Gesundheitsversorgung einkommensabhängig und geht oftmals mit Armutsgefahr oder hohen persönlichen Schulden einher. Gerechtigkeit (im Gesundheitswesen) ist damit nicht nur ein ethischer Aspekt, sondern auch ein objektives Leistungsmerkmal, das für die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit eines Landes einen wesentlichen Beitrag leistet.
Fazit
Der Vergleich entlang des HSPA-Modells zeigt, wie tiefgreifend sich die Systeme Österreichs und der Vereinigten Staaten im Aufbau, der Finanzierungslast und besonders bei den Ergebnissen unterscheiden.
Die Herausforderung für Österreich in der Zukunft besteht daher nicht in einem Entweder-Oder, sondern in einem Sowohl-Als-Auch: Sicherung des universellen Zugangs durch Ausbau der Sachleistungsversorgung bei gleichzeitiger Förderung eines innovationsfreundlichen Umfelds (Stichwort: Life-Science Sektor), das eine hochspezialisierte Versorgung für die gesamte Bevölkerung gewährleistet.
Ein gemeinsames Ziel aller Akteure muss es sein, die bestehenden Stärken – soziale Absicherung, Versorgungsbreite und medizinische Qualität – durch gezielte Investitionen in moderne, evidenzbasierte und zugängliche Innovationen weiterzuentwickeln und dadurch das solidarische Gesundheitssystem nachhaltig zu stärken.
Referenzen:
- Die zitierten Daten stammen -sofern nicht anders angegeben- aus OECD Health at a Glance (2025)
- Vgl. European Observatory on Health Systems and Policies: XXXX
- OECD Health Working Papers No. 179 (2025): Trends in the financialization of outpatient care
- Commonwealth Fund (2024): Biennial Health Insurance Survey
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