Skip To Main Content
  • Blogbeitrag
  • Sanopolis

Das soziale Netz neu denken – gezielter steuern, näher am Menschen wirken

Martina Rüscher

Martina Rüscher, MBA, MSc., Gesundheitslandesrätin Vorarlberg
Martina Rüscher, MBA, MSc., Gesundheitslandesrätin Vorarlberg

Die Gesellschaft und das Sozial- bzw. Gesundheitswesen befinden sich im Wandel. Die Lebenserwartung steigt, Krankheitsbilder verändern sich, die Ansprüche an Versorgung, Teilhabe und Lebensqualität wachsen. Gleichzeitig belasten Teuerung, Fachkräftemangel und geopolitische Krisen die öffentlichen Haushalte. Diese Entwicklungen machen deutlich, dass soziale Sicherheit künftig nicht allein durch mehr Mittel, sondern vor allem durch neue Formen der Zusammenarbeit und Steuerung gesichert werden kann.
 

Finanzielle Stabilität sichern

In Vorarlberg wird der Großteil der sozialen Leistungen über den Vorarlberger Sozialfonds finanziert. Er ist ein Solidartopf des Landes und der Gemeinden und bündelt zentrale Leistungen in den Bereichen Kinder- und Jugendhilfe, Sozialhilfe, Pflege, Betreuung und Chancengleichheit. Wie überall im Sozial- und Gesundheitswesen steigen die Ausgaben kontinuierlich, während die finanziellen Spielräume enger werden.

Vorarlberg steht daher – wie viele andere Bundesländer – vor der Aufgabe, den hohen Versorgungsstandard auch unter veränderten Rahmenbedingungen zu sichern. Das erfordert eine gezielte Priorisierung, transparente Steuerungsmechanismen und eine enge Abstimmung zwischen allen Partnern im System. Kurzfristige Anpassungen und Effizienzmaßnahmen sind notwendig, um langfristige Stabilität zu gewährleisten, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden.
 

Zukunftsorientierte Ausrichtung

Um den Sozialfonds langfristig zu stabilisieren und zukunftsfit auszurichten, werden derzeit die Grundlagen für eine neue strategische Ausrichtung erarbeitet. Im Mittelpunkt steht dabei die Absicherung eines starken sozialen Netzes durch wirkungsorientierte Steuerung von Leistungen – also die gezielte Verwendung vorhandener Ressourcen dort, wo sie den größten Nutzen für die Bevölkerung entfalten.

Ein zentraler Bestandteil dieser Weiterentwicklung ist der Ausbau der Sozialraumorientierung als fachübergreifendes Leitprinzip und als Organisationsmodell. Sie steht für eine Sozialpolitik, die näher an den Lebensrealitäten der Menschen ansetzt, lokale Strukturen konsequent stärkt und Zusammenarbeit über Zuständigkeitsgrenzen hinweg fördert.
 

Sozialraumorientierung als Leitprinzip

Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit bedeutet, die Lebensbedingungen von Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld so zu gestalten, dass schwierige Situationen möglichst selbstbestimmt bewältigt werden können. Statt auf Einzelfalllösungen zu fokussieren, werden vorhandene Ressourcen im sozialen Nahraum – in Gemeinden, Nachbarschaften, Vereinen oder Netzwerken – gezielt genutzt und verknüpft.

Dadurch entstehen tragfähige Strukturen, die Prävention fördern, soziale Teilhabe stärken und auch die Selbstverantwortung wieder mehr in den Mittelpunkt rückt.  Sozialraumorientierung steht damit für einen Perspektivenwechsel: weg von der reinen Leistungsverwaltung, hin zu gemeinsamer Verantwortung und lokaler Gestaltungskraft.

Zur strukturellen Verankerung sollen Sozialplanungsräume gebildet werden, die als übergeordnete Kooperations- und Steuerungsebenen fungieren. Darunter gliedern sich Care-Regionen sowie Sozialsprengel und Gemeinden. Bestehende Kooperationen und bewährte Gemeindestrukturen werden gezielt genutzt, um Synergien zu schaffen und die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen.

Für die Umsetzung ist eine klare Aufgabenverteilung entscheidend. Care-Regionen übernehmen künftig stärkere Steuerungs- und Koordinationsaufgaben in der Planung, Entwicklung und Umsetzung sozialer Maßnahmen, Gemeinden und regionale Netzwerke konzentrieren sich vor allem auf Primär- und Sekundärprävention. Auf Landesebene bleiben überregionale Steuerung, Qualitätsentwicklung und Wirkungsanalyse verankert.
 

Soziale Verantwortung zukunftsfit gestalten

Die Sicherung sozialer Leistungen in einem immer komplexer werdenden Umfeld verlangt nicht nur finanzielle, sondern auch organisatorische und technologische Innovationen. Digitalisierung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und neue Formen der Freiwilligenarbeit eröffnen Chancen, die soziale Infrastruktur effizienter und zugleich menschlicher zu gestalten.

Sozialraumorientierung kann dabei als verbindendes Prinzip wirken – sie stärkt Prävention, erleichtert den Zugang zu Leistungen und schafft Nähe zwischen Verwaltung, Trägern und Bevölkerung. So bleibt das soziale Netz in Vorarlberg auch in Zukunft verlässlich: effizient gesteuert, innovativ weiterentwickelt und nah an den Menschen.

Weitere Blogbeiträge