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Gesundes Österreich: Was muss passieren, damit die Bevölkerung der Zukunft über 100 Jahre alt werden kann?
Herwig Ostermann
In der Theorie hat der menschliche Körper eine maximale Lebenserwartung von rund 120 Jahren. Inwieweit diese dann durch Maßnahmen des medizinischen Fortschrittes (etwa durch nachgezüchtete Organe oder andere „Ersatzteile“) verlängert werden kann, ist Teil von Zukunftsszenarien (und sicher auch ein reizvolles Thema), für die Frage, inwieweit wir aber mehr Gesundheit für die Bevölkerung in Österreich erzielen, von untergeordnetem Interesse.
Denn nach wir vor haben wir Aufholbedarf, was Lebenserwartung und ein Leben in Gesund-heit betrifft. So ist unsere Lebenserwartung mit 81,9 Jahren (letztverfügbare Daten für 2023) noch immer unter dem vor-pandemischen Niveau (was im Übrigen auch die negativen Gesundheitsfolgen von COVID-19 belegt). Im europäischen Vergleich liegen wir zwar etwas über dem EU-Durchschnitt von 81,4 Jahren und mit Ausnahme von Slowenien besser als die zentral- und osteuropäischen Länder, auf die Spitzenländer wie Spanien, Italien oder Schwe-den (mit 84,0 bzw. 83,5 und 83,4 Jahren) fehlen uns aber mehr als eineinhalb Jahre (was in Punkto Lebenserwartung eine ziemliche Distanz ist).
Nach deutlicher wird dieser Aufholbedarf, wenn man sich die (fernere) Lebenserwartung nach Bildung ansieht: Während gut gebildete Frauen mit 30 Jahren noch im Durchschnitt 56,6 Jahre leben, sind es bei wenig gebildeten Frauen nur 52,6 Jahre (also 4 Jahre weniger), bei Männern desselben Alters sind es bei guter Bildung noch 52,9 Jahre, bei jenen mit geringer Bildung hingegen 46,8 Jahre.
Was sind also die Gründe hierfür? An sich ist es spätestens seit dem mit dem auf der Ottawa Charta (die 2026 ihr 40jähriges Jubiläums feiert) aufbauenden Ansatz von „Health in all Policies“ weit verbreiteter Konsens, dass Gesundheit nicht nur Ergebnis der Versorgungsleistungen des Gesundheitssystems mit all seinen Fortschritten ist, sondern sogar mehrheitlich von anderen Lebensbereichen, wie etwa Bildung, Arbeitsbedingungen, sozialen Ressourcen, Umwelt geschaffen und auch determiniert wird.
Was bracht es also nun, um dem Ziel näher zu kommen, dass jede und jeder in Österreich vielleicht auch einmal 100 Jahre alt werden kann?
Drei Dinge sind hier von maßgeblicher Bedeutung:
Erstens: Wir brauchen eine neue Orientierung in der Betrachtung von Gesundheit, die es uns ermöglicht, neben den (medizinischen) Ursachen von Morbidität und Mortalität auch deren Ursachen zu bekämpfen. In anderen Worten: Es ist zwar vom Gesundheitseffekt sinnvoll und begrüßenswert (sofern Nutzen und Kosten in einem angemessenen Verhältnis stehen), wenn wir mit Dauertherapien etwa den Eintritt von kardiovaskulären Ereignissen oder auch Adipositas wirksam unterbinden können, es ist aber auch gleich wichtig, deren Ursachen an sich, wie etwa Lebensstil und insbesondere Ernährung und Ernährungssysteme zu adressieren und zum Beispiel Zucker und Salz in verarbeiteten Lebensmitteln zu adressieren oder das Konzept von Wasserschulen flächendeckend umzusetzen. Nur so lässt sich dann übrigens auch eine ökonomische Nachhaltigkeit erreichen.
Zweitens: Wir brauchen besser abgestimmte Leistungen und eine neue Verteilungslogik. Wirksame Gesundheitsförderung und Prävention braucht einen koordinierten Einsatz, der sich bei allen Gesundheitsleistungen durchzieht und nicht nur punktuell und isoliert in einzelnen Versorgungsbereichen erbracht wird. Des bedeutet Neuorientierung in Richtung gesundheits-fördernder und -kompetenter Gesundheitseinrichtungen auf jeder Versorgungsebene, vom ambulanten Bereich über Krankenanstalten bis hin zu Rehabilitation. Und noch ein Punkt: Wir müssen auch dafür Sorge tragen, dass das Leistungsangebot dort am besten ausgebaut ist, wo der Bedarf am größten (oder anders formuliert: die Gesundheit am schlechtesten) ist. Das ist momentan nicht immer der Fall.
Drittens: Wenn wir anerkennen, dass Gesundheit nicht nur im Gesundheitssystem, sondern in vielen anderen Bereichen geschaffen und determiniert wird, und gleichzeitig auch berücksich-tigen, wie wichtig lebensstilbezogene Faktoren wie Ernährung, Bewegung aber auch Alkohol und Nikotinkonsum unsere Gesundheit beeinflussen, dann wird klar dass es nicht nur um die Veränderung des Verhaltens sondern auch um die Veränderung der Lebensverhältnisse geht, wenn wir der Zukunftsvision einer Bevölkerung mit einer Lebenserwartung von 100 Jahren näherkommen wollen. Insbesondere für letztere – also die Veränderung der Verhältnisse – braucht es Ambition, in den jeweiligen Politikbereichen und darüber hinaus. Und wir tun gut daran, nicht nur im Rahmen von „Health in all Policies“ für die Kooperation anderer Lebens-bereiche für mehr Gesundheit zu werben, sondern auch darüber nachzudenken, wie von guter Gesundheit – ganz im Sinne von „Health for all Policies“ – auch die anderen Bereiche profitieren, von der Bildung über Wissenschaft bis hin zur sozialen Daseinsvorsorge und den öffentlichen Haushalten.
Sollte uns das gelingen, freue ich mich darauf, 100 Jahre alt zu werden.
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